Zwei Datenquellen, ein Blühbild
Wer wissen will, ob und wo gerade Raps blüht, hat — grob gesprochen — zwei Ansätze, und beide allein sind, nun ja, unzureichend. Der Deutsche Wetterdienst unterhält seit 1934 ein Netzwerk ehrenamtlicher Beobachter, die gewissenhaft notieren, wann der Raps aufblüht. Wunderbar. Aber in ganz Schleswig-Holstein gibt es nur rund 40 aktive Raps-Melder — zwischen zwei Meßpunkten liegen oft 20 bis 30 Kilometer. Man kennt das Wann, aber nicht das Wo. Umgekehrt fotografieren die Sentinel-2-Satelliten der ESA alle fünf Tage Europa in mehreren Spektralbändern, mit zehn Metern Auflösung — man sieht also, wo etwas Gelbes ist, aber nur an Tagen, an denen die Wolken es zulassen. Und an der Nordseeküste ist „wolkenfrei" bekanntlich eher die Ausnahme als die Regel (ich seh förmlich die graue Suppe vor mir …).
RapsRadarSH kombiniert beide Quellen gezielt — und das Ergebnis ist eleganter als die Summe der Teile, wenn ich das so sagen darf. Die DWD-Stationen liefern den zeitlichen Rahmen und den historischen Kontext: Wann beginnt die Blüte typischerweise, weicht dieses Jahr ab? Sentinel-2 liefert die räumliche Präzision: Welche konkreten Felder blühen heute? Die Satellitendaten-Pipeline läuft zweistufig — erst die beste wolkenfreie Szene finden, dann den NDYI-Algorithmus direkt auf den Copernicus-Servern rechnen lassen. Keine Gigabytes an Rohdaten, die man lokal durch die Leitung pressen muß, nur ein fertiges Ergebnis, das man weiterverarbeiten kann.
Insofern dienen die DWD-Daten auch als Plausibilitätsprüfung — und das ist keineswegs trivial. Zeigen die Satelliten Mitte März gelbe Pixel, aber keine einzige Bodenstation meldet Blühbeginn? Dann ist das wahrscheinlich kein Raps, sondern irgendein Artefakt (oder eine besonders ambitionierte Senf-Aussaat, aber das steht auf einem anderen Blatt). Umgekehrt füllen die Bodenstationen Lücken, wenn wochenlang keine brauchbare Aufnahme durchkommt, weil das norddeutsche Wetter mal wieder sein Bestes gibt. Und die Satelliten zeigen feldgenau, was ein Beobachter an einer festen Station — so engagiert er auch sein mag — schlicht nicht liefern kann.
Die dritte, oft übersehene Quelle sind die Feldblock-Polygone des Landes Schleswig-Holstein: über 83.000 Parzellen mit exakten Grenzen, als Open Data frei verfügbar. Für jeden erkannten Cluster wird geprüft, ob er tatsächlich auf Ackerland liegt. Gelbe Dächer, Baustellen, Sandstrände — raus. Dieser Filter ist, offengestanden, der eigentliche Held der Geschichte; ohne ihn wäre die Karte ein buntes Durcheinander aus Falsch-Positiven.
Zwei unabhängige Datenströme also, die sich auf der Karte treffen: DWD-Marker zeigen Stationen und historischen Blühbeginn, Satellitenpolygone die aktuell blühenden Felder. Das Schöne an offenen Daten — und insb. an der Kombination verschiedener offener Datenquellen — ist ja, daß man Dinge zusammenführen kann, die so nie gedacht waren. Der DWD hatte beim Aufbau seines phänologischen Netzwerks sicher nicht an Satellitenbilder gedacht, und die ESA hat Sentinel-2 bestimmt nicht für Rapsblüten-Tracker gebaut. Aber die Daten sind da, sie sind frei, und sie passen zusammen. Man muß es nur tun. :-)